Konfliktscheu? Wie du unangenehme Situationen meistern kannst

Konfliktscheu

Die Kollegin stellt ihre benutzte Kaffeetasse konsequent ins Spülbecken, anstatt sie in die Spülmaschine zu räumen, dein Partner lässt ständig irgendwo das Licht brennen. Ein Bekannter unterbricht dich regelmäßig, wenn du etwas erzählen möchtest oder jemand fordert ständig Gefallen von dir ein, ohne etwas zurückzugeben.

Es gibt vermutlich unendlich viele kleine Situationen oder Verhaltensweisen, die uns an anderen Menschen irritieren.

Umso interessanter ist es, dass wir diese oft ungeklärt und unausgesprochen lassen.

  • Du hasst es, unangenehme Dinge anzusprechen?
  • Du hältst dich zudem für extrem tolerant, weil dir Harmonie wichtig ist?

Trifft das auf dich zu? Dann solltest du wirklich weiterlesen.


Warum wir Konflikten aus dem Weg gehen

Warum fällt es uns oft so schwer, Dinge direkt anzusprechen?

Weil es unbequem ist!

Ich räume lieber schnell die Tasse weg, bevor ich mich mit der Kollegin auseinandersetze.

Weil wir nicht unangenehm auffallen möchten

Offenbar ist es den anderen nicht so wichtig. Sie halten mich dann sicher für anstrengend.

Weil wir Angst vor Streit haben

Gerade konfliktscheue Menschen haben oft Angst, beim Gegenüber Wut auszulösen. Nicht zuletzt, weil sie diese selber spüren, aber dazu komme ich später nochmal ausführlicher.

Weil wir Angst vor unangenehmer Stimmung danach haben

Ich spreche das Thema der stehengelassenen Tasse an und fühle mich dann jedes Mal blöd, wenn die Kollegin sie betont wegräumt.

Weil wir lieber dazugehören als auffallen wollen

Viele von uns stufen Streit und Konflikt wie eine Gefahr ein. Die Gefahr, ausgestoßen zu werden. Angepasst zu sein ist ein altes menschliches Programm (niemand konnte früher lange ohne seinen Stamm überleben) sowie oft noch eine Prägung aus unserer Erziehung.

Harmonie gehört zu unseren höchsten Werten

Viele Menschen geben alles, um Harmonie in ihrem Umfeld zu wahren. Zu welchem Preis, erfährst du weiter unten.

Mangelnder Selbstwert

Konfliktscheue Menschen halten die Bedürfnisse anderer Menschen oft für wichtiger als die eigenen.


Konfliktscheu – die unterschwellige Aggression

Konflikte können entstehen, wenn Menschen mit unterschiedlichen Wertvorstellungen, Angewohnheiten oder Prioritäten aufeinandertreffen.

Das widersprüchliche an den so auf Harmonie bedachten konfliktscheuen Menschen ist, dass sie, wenn ihre Wünsche nicht automatisch respektiert werden oder sie ihrer Ansicht nach nicht angemessen behandelt werden, immer mehr Ärger in sich anstauen.

Konfliktscheue Menschen gehen nämlich leider irrtümlicherweise davon aus, dass ihre Mitmenschen genauso denken wie sie oder ihre Gedanken lesen könnten.

Sätze wie „Das ist doch völlig klar, dass man das (nicht) so macht!“ gehören hier zur Tagesordnung.

Wieso lässt mein Partner seine Schuhe immer im Weg herumstehen, sodass ich jedes Mal fast darüber falle?Weil er provozieren möchte? Weil er lernresistent ist?

Sehr wahrscheinlich nicht. Wir müssen uns immer wieder bewusst machen, dass Menschen solche Kleinigkeiten in den seltensten Fällen aus Böswilligkeit tun (oder nicht tun), sondern weil ihre Prioritäten woanders liegen.

Vielleicht lässt er die Schuhe so stehen, weil er mit dem Kopf schon woanders ist beim Nachhause kommen. Vielleicht denkt er einfach GAR NICHT darüber nach, weil er es noch nie getan hat.

Das gehört vermutlich zu den schwierigsten Dingen, die wir an anderen akzeptieren lernen dürfen:

Sie denken nicht über die gleichen Dinge nach wie wir oder bewerten sie völlig anders oder eben als unwichtig.

Paradebeispiel Toilettendeckel:

Ja, es ist manchen Menschen wirklich vollkommen gleichgültig, ob er auf oder zu ist. Und viele könnten nicht mit einem Menschen zusammenleben, der nicht penibelst darauf achtet.


Mache dir bewusst: Andere Menschen denken nicht über die gleichen Dinge nach wie du!
- Peter Beer

Woran du erkennst, dass du konfliktscheu bist

Prüfe mal, ob hier etwas auf dich zutrifft:

  • Du räumst die Sachen der anderen selber weg
  • Du kannst nicht nein sagen (bei bestimmten Personen oder Situationen)
  • Du redest dir ein, dass die Sache nicht wichtig genug ist, um ein großes "Ding" draus zu machen
  • Du hast Angst vor Ablehnung oder dass es komisch wird, wenn du etwas ansprichst
  • Du hast Angst vor Aggression

Du fühlst dich noch nicht angesprochen?

Wie wäre es hiermit:

Du möchtest um jeden Preis ruhig und "zen" bleiben und fühlst dich an dieser Stelle den anderen überlegen. Du bist beherrschter, du tust das Richtige.

Du bist immer mal wütend, weil du davon ausgehst, dass die Menschen um dich herum wissen sollten, dass man bestimmte Dinge macht oder eben nicht.

Vielleicht kennst du z. B. die Menschen, die etwas leer machen und nicht wieder auffüllen oder Bescheid geben und du innerlich kochst, weil es in deinem Kopf absolut nicht nachvollziehbar ist, dass man so unbedarft sein kann.

Und hier entsteht auch das größte Problem:


Passiv-aggressiv statt konfrontativ

Haben sich eine Zeit lang schlechte Gefühle angesammelt, werden Ärger und Frust irgendwann riesengroß und die konfliktscheue Person reagiert entweder passiv-aggressiv oder explodiert, sprich, reagiert völlig unverhältnismäßig.

Passiv-aggressiv?

Zum passiv-aggressiven Verhalten gehören übrigens unter anderem:

  • beleidigtes oder betontes Schweigen
  • abschätzige Blicke
  • nicht die Wahrheit sagen können
  • andere von oben herab behandeln, weil sie es doch besser wissen sollten

Weißt du, warum du Dinge nicht ehrlich aussprechen kannst?

Der Unterschied zwischen Toleranz und Harmoniesucht

An dieser Stelle noch ein kleiner Exkurs für alle, die überzeugt davon sind, dass sie einfach nur besonders umgänglich und tolerant sind und sich auf dieser Überzeugung gerne ausruhen. Inspiriert von einem Blogartikel der Psychologin Andrea Bräu*.

Konfliktscheue Menschen bezeichnen sich besonders gerne als tolerant, weil sie davon überzeugt sind, aus freiem Willen zu entscheiden, nachzugeben oder kompromissfähig zu sein.

Ein wirklich toleranter Mensch ist jemand, der zwischen wichtigen (hier ist mein Standpunkt, für den ich einstehe) und vermeidbaren Konflikten (auch mal entspannt sein zu können) unterscheiden kann.

Tolerant ist also ein Mensch, der auch tatsächlich eine Wahl hat.

Für einige konfliktscheue Menschen ist Harmonie wahren eine Sucht. Das heißt, sie handeln nicht für oder im Sinne der anderen. Sie geben zwar vor, die anderen zu schonen, aber schonen in allererster Linie sich selbst.

Vor was genau? Das findest du gleich heraus.


EIN TOLERANTER MENSCH IST FREI

Hat dein inneres Kind Angst?

Vielleicht hast bereits über die Innere Kind-Arbeit gelesen und weißt, dass unser Inneres Kind unser erwachsenes Ich maßgeblich beeinflussen und steuern kann.

Grundsätzlich können wir auch bei der Thematik Konfliktscheue oder Harmoniesucht hier ansetzen:

Was hast du in deiner Kindheit gelernt, dass dich heute davon abhält...

...deine Bedürfnisse zu äußern, zu deiner Meinung zu stehen oder nicht vor lauter Angst, die Stimmung zu versauen, so lange Dinge herunterzuschlucken, bist du innerlich richtig aggressiv wirst?

Wenn dir das erst einmal bewusst ist und du dich selbst verstehen kannst, kannst du deine Gedanken, Emotionen und letztendlich dein Verhalten langfristig positiv beeinflussen.

Lies dir gerne den Artikel "Wie du dein Inneres Kind heilst" dazu durch.


Wie entsteht die Angst vor Streit?

Die Ursache für dieses Verhalten liegt meistens in der Kindheit, da in dieser Zeit unser späteres Verhalten maßgeblich geprägt wird.

Natürlich können uns auch spätere Erlebnisse beeinflussen, aber der Einfachheit halber bleiben wir mal in dieser Lebensphase.

Wenn du der Überzeugung bist, dass Konfliktscheue, Angst vor Streit und Harmoniesucht bei dir eine große Rolle spielen, kannst du dir mal folgende Fragen stellen:

  • Wurden Familienmitglieder grundsätzlich mit Respekt und Verständnis behandelt?
  • Haben sich deine Eltern offen gestritten?
  • Waren diese Streits konstruktiv oder wurde nur beleidigt und es endete immer in schlechter Stimmung?
  • Hattest du den Raum, deine Bedürfnisse oder Meinungen zu äußern und wenn ja, wie wurde darauf reagiert?
  • Wurden deine Bedürfnisse wahrgenommen und respektiert?
  • Gab es mehr Strafen als Verständnis?
  • Empfindest du offene Worte als unangenehm und bedrohlich, weil die Konsequenz irgendwie immer eine Art der Ablehnung sein muss?

Wenn dir davon etwas bekannt vorkommt, ist es durchaus möglich, dass du in deiner Vergangenheit nicht gelernt hast, einen Konflikt lösungsorientiert einzugehen.


Wozu sollen wir Konflikte eingehen?

Eine berechtigte Frage.

Was bringt es uns, zu lernen, auszusprechen, was uns stört, zu sagen, was wir lieber möchten oder uns sogar auch mal gegenüber anderen zu behaupten?

Wie klingen die folgenden Resultate?

  • Du bekommst möglicherweise nicht nur, was du willst, sondern lernst im ersten Schritt, für dich einzustehen!
  • Deine Realität wird sich verändern: die Menschen dürfen endlich sehen, wer du wirklich bist. Und einige werden gehen
  • Menschen, die dich und deine Bedürfnisse verstehen und berücksichtigen, bleiben!
  • Du bringst anderen etwas bei. Nicht nur, dass es schön ist, die Schuhe im Flur auszuziehen, sondern, dass dir und somit auch anderen Menschen verschiedene Dinge wichtig sind.
  • Du gibst anderen die Chance, sich zu verbessern
  • Du erlöst die Menschen, die deine seltsamen aggressiven Schwingungen nicht verstehen

Worst case: Personen, die dich nicht ernst nehmen, gehen.
Best case: Platz für neue bzw. dein Problem wird geklärt.

Worst case: dein Wunsch wird nicht respektiert.
Best case: du erlebst eine positive Veränderung in deinem (Arbeits)umfeld

Das ist ja schön und gut, denkst du jetzt vielleicht. Aber ich kann das nicht, das wird nicht gut gehen.


Konflikte eingehen - wie geht das?

Ich habe mich an dieser Stelle ganz aktiv entschieden, jetzt nicht noch einmal auszuführen, was du vermutlich bereits selbst weißt.

Dinge wie:

  • Du weißt doch, dass nichts wirklich Schlimmes passiert, wenn du deine Meinung sagst
  • Du hast ein Recht auf deine Meinung
  • Formuliere sie in Ich-Botschaften
  • Frage doch mal nach, warum die Person sich so verhält

Das sind Dinge, die du tun würdest, wenn du nicht diese Blockade hättest, die dich davon abhält.

Was passiert also, wenn danach die Stimmung kippt und es richtig unangenehm wird?

Dann ist es so!

Ja, das ist tatsächlich die Konsequenz, die du akzeptieren lernen darfst. Und ich erkläre dir auch, warum:

Du wirst, wenn du Konflikte eingehst und mal deine Meinung sagst bestimmt auch positives Feedback bekommen, weil du damit für Klarheit sorgst. Und du wirst mit großer Sicherheit in anderen Situationen komplett anecken. Den Stolz der anderen Person verletzen, etwas in ihr triggern.

Natürlich wird diese dann nicht vorbildlich reagieren.

Vielleicht kennst du diese Menschen, die erst einmal wie ein Pferd ausschlagen, wenn man Kritik an ihnen äußert? Das ist eine Form von Selbstschutz. Keiner von uns will böse, unachtsam, unempathisch oder sonst wie "falsch" sein. Manche reagieren verletzt, andere wütend.

Und damit darfst du jetzt klarkommen lernen!

Deine Herausforderung ist es jetzt, das unangenehme Gefühl nach der Konfrontation zuzulassen, dasein zu lassen und zu akzeptieren.

Das ist eine Übung, in der du mit jedem Mal besser wirst und du kannst dir in diesem Video ansehen, wie du deine Gefühle am besten annehmen und akzeptieren lernst.



Schritt für Schritt zur Freiheit


Befasse dich zu den Themen Konfliktscheue, Angst vor Streit oder Konfrontation oder Passiv-Aggressivität einmal ganz bewusst mit deinen vergangen Erlebnissen und den Schlüssen, die du daraus gezogen hast.

Egal, ob du es mit dir selbst, mit Hilfe eines Kurses oder Therapiegesprächs machst, ich wünsche dir erkenntnisreiche Momente auf deinem Weg, freier und friedlicher handeln zu können.

Dein Peter


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Ich fühle mich direkt angesprochen. Dein Artikel war ein Wink mit dem Zaunpfahl für mich. Danke dafür!