Bindungsangst & Verlustangst: Ist der Liebeskummer vorprogrammiert?

Der Partner - Lebensgefährte, fester Freund, Seelenverwandter. Du bist verliebt, ihr geht aus, küsst euch zum ersten Mal, verbringt viel Zeit gemeinsam. Ihr kommt zusammen - und du schwebst auf Wolke 7.

Es gibt niemanden, der besser zu dir passt, du spürst 1000 Schmetterlinge in deinem Bauch, wenn du ihn siehst.

Wenn sich deine Gefühle plötzlich verändern

Es vergehen ein paar Wochen, Monate, vielleicht sogar ein paar Jahre...und langsam legst du die rosarote Brille ab. Es wird ernst, ihr wollt zusammenziehen, trefft gemeinsame Entscheidungen, doch irgendwie fühlst du dich wie zerrissen innerlich.


“Wieso fühle ich mich auf einmal unwohl in seiner/ihrer Gegenwart?”

“Wieso kann ich ihm/ihr nicht davon erzählen, was mich gerade so sehr beschäftigt?”

“Warum fühle ich mich ihm/ihr gegenüber so fern?”

“Liebe ich ihn/sie nicht mehr?”

“Vielleicht sollte ich Schluss machen!”

Wie dein Unterbewusstsein deine Beziehungen beeinflusst


Eigentlich gibt es keinen richtigen Grund, Schluss zu machen. Dein Partner hat nichts falsch gemacht, er verhält sich genauso wie vorher. Doch auf einmal findest du Verhaltensweisen, die “irgendwie nicht zu dir passen” oder die “dich nerven” und weswegen “die Beziehung einfach keinen Sinn mehr macht”.

Ebenso ist es möglich, dass du befürchtest, etwas zu verpassen, dass es da draußen noch jemanden gibt, der vielleicht besser zu dir passt.

Dahinter steckt Angst; sie drückt sich in einem “Wegschieben” aus. Immer dann, wenn es nahe wird, kriegst du Panik, du weichst zurück und verhärtest dich. Wenn du selbst aufmachen und Wärme geben sollst, schreckst du instinktiv zurück.


Verlustangst vs. Bindungsangst

Negative Gefühle in einer Partnerschaft und das Bedürfnis, sich davon befreien zu wollen, sind oft das Resultat unterschiedlicher Ängste, die nicht so leicht auseinanderzuhalten sind.

Unter Verlustangst versteht man dabei eher ängstliches Bindungsverhalten, bei Bindungsangst spricht man von vermeidendem Bindungsverhalten. Diese Unterscheidung ist wichtig: Während die Angst vor dem Verlust uns emotional noch enger an den Partner bindet (zu eng?), hat die Bindungsangst zur Folge, dass wir uns wieder vom Partner entfernen.

Doch wieso gehören diese Ängste nun zusammen, obwohl sie doch so unterschiedlich sind? Ganz einfach: es geht immer um verletzte Selbstliebe, die nicht noch mehr verletzt werden möchte und deshalb Schutzstrategien entwickelt. Beide sind zwei Seiten derselben Medaille.


Typisch für jede Art von Verhaltensstörung sind Flucht oder Vermeidung.
(Vgl. Schorr 1984, 170f.)

Verlustangst und Bindungsangst hängen also eng zusammen. Sie widersprechen sich nicht, obwohl es an der Oberfläche vielleicht widersprüchlich aussehen mag, so z.B. die daraus resultierenden Verhaltensweisen: “Bitte, geh ja nicht weg! Aber komm mir auch nicht zu nahe...!” Diese beiden Pole spiegeln den dabei stattfindenden inneren Konflikt wider.


Wie erkenne ich, dass ich selbst unter Bindungsangst leide?

Folgende Anzeichen sprechen für eine Bindungsangst:

  • du verliebst dich häufig in scheinbar unerreichbare Menschen, z. B. verheiratete oder weit entfernt lebende Personen, da eine Beziehung mit ihnen wahrscheinlich erst gar nicht zustande kommt. So versuchst du dich zu schützen.
  • du findest viele verschiedene Strategien, deinen Partner auf Abstand zu halten. Das können z.B. Seitensprünge oder das Eingehen einer offenen Beziehung sein.
  • du suchst förmlich nach Dingen, die dich an deinem Partner stören und die du kritisierst, um so die Distanz zu wahren.
  • du hast unerfüllbar hohe Erwartungen an einen Partner, die eigentlich völlig unrealistisch sind, dir aber so stets einen Grund für Ablehnung bieten.
  • du verhältst dich deinem Partner gegenüber emotional abweisend und kühl: du hast z. B. Probleme damit, deine Zuneigung auszudrücken und in Worte zu fassen.
  • dir fällt es schwer dich fallen zu lassen und völliges Vertrauen zuzulassen.
  • du hast große Angst davor, verlassen zu werden

Nur ein Symptom des verletzten inneren Kindes?

Die erste richtige Bindung, die jeder von uns eingeht, ist die zu unserer Mutter bzw. zu unseren Eltern. Es handelt sich hier um das sogenannte Urvertrauen. Dieses drückt sich in der tiefen inneren Überzeugung aus: “Es kann mir nichts geschehen!”. Es ist also sozusagen fraglos, bedingungslos.

Dies funktioniert aber nur, wenn alles gut gegangen ist, wenn das Kind so geliebt wird, wie es selber liebt, denn alle Kinder bringen eine natürliche Liebe zu ihren Eltern mit. Bei manchen Kindern kommt eine Resonanz von den Eltern zurück, und dann ist alles gut, diese Kinder gedeihen.

Sie haben zwar auch ihre Unzulänglichkeiten und sind auch nicht immer perfekt und absolut pflegeleicht, aber sie sind vital und haben Vertrauen in sich selbst, in das Leben und in Beziehungen.


“Die beste Erziehungsmethode für ein Kind ist, ihm eine gute Mutter zu verschaffen.”

Christian Morgenstern

Wenn wir in dieser frühen Phase unserer Kindheit jedoch keine sichere Bindung, keine haltgebende Beziehung erlebt haben, dann ist dieses Bedürfnis nach Sicherheit stets überlagert von einem Gefühl von Angst. Dies ist etwas ganz natürliches; wir können als abhängige Säugetiere nicht ohne unsere Eltern überleben.

Deshalb haben wir es alle in uns: eine unbedingte Sehnsucht nach Sicherheit und Nähe. Und diese Sicherheit drückt sich eben in der allerfrühesten Phase unserer Kindheit in der Überzeugung: “Meine Mutter ist bei mir und beschützt mich.” aus.

Wenn nun diese Sicherheit nicht gegeben ist, wenn dieses Gefühl ausbleibt, dann kommt die Angst vor der Vernichtung, die Angst in ein Loch zu fallen. Das drückt sich dann aus in der Verlustangst, also die Angst davor, die Mutter zu verlieren, denn sie ist überlebenswichtig. 

Weil die Bindung nicht zustande kam, die sättigende, gute, urvertrauenerzeugende Bindung, entsteht die Verlustangst.


Aus dieser Angst heraus entsteht nun die Bindungsangst: wenn ich nämlich mich selbst und mein Herz aufmache, dann bin ich maximal verwundbar. Wenn dann der andere etwas macht, was mir schadet, dann läuft mein ganzes Gefühl ins Leere, und dann ist die Katastrophe umso riesiger.

Und dieses Bedürfnis, mich selbst zu schützen, bei mir zu bleiben und meine Gefühle und Sehnsüchte zurückzuhalten und Abstand zu halten -- überhaupt über möglichst viel die Kontrolle zu behalten, das kommt aus dieser “Näheangst” heraus.

Sie ist immer eine Folge von seelischen Verletzungen, die schon passiert sind. Im Rückkehrschluss gibt es auch keine Bindungs- bzw. Verlustangst, wenn es keine seelischen Verletzungen gab.


Was kann ich gegen Verlust- oder Bindungsangst tun?

Im Folgenden kannst du dir Schritt für Schritt ansehen, wie du mit deiner Bindungs- oder Verlustangst umgehen kannst:

Schritt 1: Selbsterkenntnis

Zunächst einmal ist es wichtig, dass du dir deiner Ängste bewusst wirst. Denn wenn du gar nicht weißt, wieso du dich oft irrational verhältst, kannst du auch nichts dagegen tun.

Schritt 2: Die Angst ergründen

Schau dir deine Vergangenheit an. Wie verlief deine Kindheit? Wann wurde dein Bedürfnis nach Sicherheit enttäuscht, wo hast du Vertrauen verloren? Finde heraus, wo der Ursprung deiner Angst liegt.

Schritt 3: Autonomie

Werde dir dessen bewusst, dass du die Menschen, von denen du einst abhängig warst und die dein Vertrauen enttäuscht haben, nicht länger brauchst. Du bist du – und nun kannst du dir selbst als liebevolle erwachsene Person die Zuwendung und Wärme schenken, nach der du dich sehnst.

Schritt 4: Umgang mit Erwartungen

Das Gleichsetzen von Erwartungen deines Partners mit Vereinnahmung und Unterjochung ist nur eine Reaktion deines inneren Kindes. Frage dich deshalb: Ist es wirklich so schlimm einmal nachzugeben? Wird tatsächlich zu viel von mir verlangt? Oder: Passiert wirklich etwas Schlimmes, wenn ich einmal Nein sage? Oder wenn ich meine Gefühle mit ihm/ihr teile?

Der Ausweg ist, sich da anzuvertrauen, sich da immer mehr zu öffnen und zu riskieren, wo man wirklich einen vertrauenswürdigen Partner hat.

Schritt 5: Selbstliebe lernen

Dieses Video kann dir dabei helfen, Selbstliebe zu lernen:

Erkenne, dass der Grund für deine Ablehnung die Angst vor einer Verletzung deines Selbstwertes ist und dass du nur versuchst, dein Selbstwertgefühl zu schützen. Höre auf dein inneres Kind und begegne ihm mit Trost und Zuspruch.


Gerade bei Beziehungsthemen kann die Arbeit mit dem Inneren Kind extrem wertvoll sein. Lies dir dazu gerne den Artikel Wie du dein Inneres Kind heilst durch.

Darin kannst du noch einmal genau nachlesen, wie dieser Ansatz funktioniert und was du tun kannst, dein heutiges Beziehungsleben positiv zu beeinflussen, ohne großartig in deiner Vergangenheit zu wühlen.

Denn das schönste, was du dir selbst schenken kannst (neben der Selbstliebe), ist wieder Vertrauen ins Leben zu haben.


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