Radikal authentisch werden: Hör auf dich selbst zu belügen!

Wirklich authentisch werden ist nicht immer leicht! Wie oft hast du einem Mitmenschen, egal ob Freund, Kollege oder Chef, nicht gesagt, wie es dir wirklich geht oder sogar gelogen, um der unangenehmen Situation zu entkommen, ihnen die Wahrheit zu sagen? In diesem Artikel erfährst du, wie gut es dir tut, anderen Menschen die Wahrheit zu sagen, ohne dabei Schuldgefühle zu empfinden.

Ich habe zu diesem Thema einmal ein Experiment gemacht, das sich Radikale Ehrlichkeit nennt. Gleich vorneweg: Radikal bezieht sich nicht darauf, dass man ab sofort jedem ungefragt und ungefiltert seine Meinung sagen soll. Es geht darum, radikal ehrlich zu sich selbst zu sein und sich nicht zu verstecken, seine Gefühle zu unterdrücken und so zu tun, als wäre alles gut, wenn das nicht der Fall ist. Die Art und Weise der ehrlichen Kommunikation mit anderen und auch mit uns, ist entscheidend. Sie darf immer liebevoll, empathisch und bedacht sein.

Bevor ich mich auf das Experiment eingelassen habe, dachte immer,  ich sei ein ehrlicher Typ und dass ich doch nie lügen würde. Das denken sich vermutlich die meisten von uns. Allerdings bedeutet lügen nicht nur, absichtlich die Unwahrheit zu sagen, sondern eben auch Dinge einfach nicht zu sagen oder auch ja zu sagen, wenn wir eigentlich nein meinen.

Radikale Ehrlichkeit nicht umsonst ein Bestseller

Dr. Brad Blanton hat bereits 1995 zu diesem Thema einen Bestseller geschrieben, der „Radikal ehrlich“ heißt. Darin zeigt er, wie Ängste, Depressionen, Zwänge, verschiedene neurotische Erkrankungen, Niedergeschlagenheit, Burnout etc. aus einer Quelle entstehen können, und zwar dem Lügen. Damit meint er nicht (nur) das Lügen im Sinne von absichtlich die Unwahrheit erzählen, sondern auch folgende Verhaltensweisen:

  • Dinge nicht aussprechen
  • Etwas tun, das wir nicht wirklich tun möchten, uns aber nicht eingestehen wollen
  • Dinge nicht aussprechen, um andere nicht zu verletzen
  • Eine Maske aufsetzen und vorzugeben, jemand anderes zu sein, als wir sind

Wenn wir einen oder mehrere dieser Punkte in unserem Lebe haben, merken wir irgendwann, dass es uns unglücklich macht. Ohne Ehrlichkeit sind z. B. keine wirklich tiefen Beziehungen möglich, auch zu uns selbst nicht. Folglich hat Ehrlichkeit eine wichtige Bedeutung für uns und das „Ehrlichkeitsexperiment“ kann wirklich zu verschiedenen tiefgreifenden Veränderungen in unserem Leben führen.

Unehrlichkeit im Alltag

Obwohl ich mich als authentisch wahrnehme, habe ich während des Experiments doch gemerkt, wie oft es im Alltag doch anders läuft. Da gab es z. B. einen unausgesprochenen Konflikt zwischen mir und einem Kollegen. Ich habe es über eine längere Zeit ignoriert, ich mochte ihn ja schließlich, aber dieses unangenehme Gefühl im Hintergrund ständig wahrgenommen.

Irgendwann habe ich meine Gefühle zugelassen und gemerkt, dass ich einfach enttäuscht von ihm war. Ich habe mir also endlich ein Herz gefasst und das Thema angesprochen und ich wurde überrascht: Es ist nichts Schlimmes passiert. Kein Streit, keine Diskussionen. Er bekam von mir die Möglichkeit, sein Verhalten zu begründen und wir haben ruhig gesprochen und nach einer Lösung gesucht. Das war es! Durch meine Ehrlichkeit konnte die Angelegenheit endlich bereinigt werden. Die einzige Herausforderung war, es anzusprechen.

Warum sprechen wir Probleme so ungerne an?

Ein weitverbreiteter Grund dafür, Dinge nicht offen anzusprechen, ist unser Bedürfnis nach Harmonie. Ja, Harmonie ist tatsächlich für die meisten Menschen ein Grund, nicht die Wahrheit zu sagen oder eben zu schweigen. Prüfe mal, ob das bei dir ähnlich ist.

Wir lügen (oder schweigen) auch aus Angst, abgelehnt zu werden etc. Manchmal spielen wir unseren Mitmenschen etwas vor, setzen die sprichwörtliche Maske auf, um anderen (und uns selbst) besser zu gefallen. Viele schämen sich dafür, dass sie so sind, wie sie sind.

Ich kann das zum Verständnis einmal anhand einer Situation aus meiner Kindheit erklären: Ich war ein sehr lebendiges, aktives Kind und wurde dementsprechend oft gemaßregelt. Für meine Eltern war mein Verhalten einfach schwierig. Sie waren bereits durch meine Geschwister und ihre Arbeit belastet genug und konnten das ganz plump ausgedrückt einfach nicht brauchen. Das Ergebnis davon war, dass ich irgendwann überzeugt war, dass ich anders sein zu hatte, dass ich nicht richtig war, so wie ich war.

So etwas ist natürlich ein unbewusst ablaufender Prozess und nicht jeder, der in der Kindheit in seine Schranken gewiesen wurde, reagiert später damit, dass er sich verstellt. Doch viele Menschen haben unbewusst einfach beschlossen, dass es leichter ist, zu lügen. Viele schämen sich für ihre Bedürfnisse, insbesondere, wenn diese anders sind oder zu sein scheinen als die der anderen! Einige von uns lügen, weil sie besser dastehen wollen. Sie wollen besser sein, als sie sind. Und auch hier liegt der Ursprung in dem unbewussten Glauben, dass sie nicht ok sind, wie sie sind.

Lügen sind wie Luftballons

Das mag jetzt komisch klingen, ist aber eine schöne Metapher für das, was das Lügen und Verschweigen mit uns macht. Stell dir einmal vor, all die unausgesprochenen Dinge sind wie Luftballons, die du unter Wasser drücken und halten musst. Irgendwann ganz schön anstrengend, nicht wahr?

Im Berufsalltag früher hatte ich immer das Gefühl, dass meine Mitarbeiter in der Drehtür der Firma ihre Masken aufsetzen und sie nach Arbeitsende draußen wieder abnahmen. Viele dort glaubten, eine Rolle spielen zu müssen. Um nicht anzuecken, um keine Fehler einzugestehen, um andere nicht zu verletzen oder verärgern. Alleine die Vorstellung, dass unser Gegenüber verletzt, verärgert oder in irgendeiner Weise negativ auf unsere ehrliche Aussage reagieren könnte, schreckt die meisten Menschen ab. Und selbst wenn sie keine Angst davor haben: es scheint oft der leichtere Weg zu sein. Seinem Ärger Luft machen, kann man dann ja später zu Hause oder in der Kneipe.

Nur funktioniert es so nicht. Vielleicht kann man ein Stück weit die Luft aus einem Ballon lassen. Es bleibt aber dabei, dass wir ihn unter Wasser halten. Wenn wir jetzt aber beginnen, Ehrlichkeit zu praktizieren, werden wir merken, wie der Luftballon platzt und das Wasser aufgewirbelt wird, aber wir gleichzeitig zurück in unsere Kraft kommen, weil wir unsere Energie danach anderweitig nutzen können. Ehrlichkeit kann uns tatsächlich frei machen.

Welche Gefühle hältst du unter Wasser?

Welche Gefühle traust du dich noch nicht, in der Öffentlichkeit zu zeigen? Welche erlaubst du dir nicht einmal selbst? Hast du wirklich Freude an dem, was du tust? Darfst du als Mann weinen oder als Frau wütend sein?

Wo belügst du noch andere? Partner? Kollegen Freunde Familie. Große und kleine Lügen. Wo belügst du dich noch selbst? Spür mal rein, an welcher Stelle sich in deinem Leben etwas nicht „rund“ anfühlt und du es trotzdem ignorierst. Wo verstellst du dich, um gemocht zu werden etc. und wo spielst du eine Rolle?

Ein Punkt, der in Verbindung mit Authentizität richtig spannend für mich war, war, dass ich selbst ins bestimmten Situationen noch eine Rolle eingenommen habe. Die Menschen haben ja durch meine Videos etc. ein bestimmtes Bild von mir und ich hatte dadurch immer das Gefühl, dass ich bei einem Live- Treffen genau so sein zu hatte. Als ich gemerkt habe, wie sehr mich das anstrengt und oft auch zu richtigem Unwohlsein geführt hat, habe ich das dann ziemlich schnell abgelegt.

Und wenn ich heute wahrnehme, dass ich dabei bin, wieder eine Rolle einzunehmen, lasse ich diesen gefühlten Anspruch in meiner Vorstellung fallen und versuche mich ganz genau so zu zeigen, wie ich bin. Wie anstrengend es wirklich ist, nicht offen und authentisch zu sein, wird uns erst bewusst, wenn wir das Ehrlichkeitsexperiment starten oder achtsam* sind! Wenn wir uns erschöpft und unwohl fühlen, sind es oft diese 100 Luftballons, die wir mit hohem Kraftaufwand nach unten drücken müssen.

Was gewinnen wir durch Ehrlichkeit?

Was an diesem Experiment so faszinierend ist: Der Prozess der Radikalen Ehrlichkeit trägt all diese Muster vom Unterbewusstsein an die Oberfläche, also ins Bewusstsein. Wir fangen an, ehrlich zu uns zu sein und das führt oft zu tiefgreifenden Veränderungen in uns.

Was gewinnst du, wenn du dich auf dieses Experiment einlässt?

1. Aufrichtige ehrliche Beziehungen
Oftmals sind Menschen jahrelang mit ihren Partnern oder Freunden zusammen, aber trauen sich aus verschiedenen Gründen nicht, etwas auszudrücken, vollkommen ehrlich zu sein oder sich so zu zeigen, wie sie sind.

Jedes Mal, wenn wir eine Rolle spielen, nehmen wir den anderen die Chance, uns wirklich kennenzulernen. Tiefgang kann erst dann entstehen, wenn wir unsere Maske abnehmen. Sich so zu zeigen, wie man ist kann am Anfang natürlich Unsicherheit auslösen, das braucht Mut. Du schämst dich vielleicht. Aber wenn du den Menschen dieses Geschenk machst, wirst du sehen, wie sich deine Beziehungen zu ihnen transformieren.

2. Die Chance auf wahre Liebe
Das kann auch bedeuten, dass die Blase mit dem aktuellen Partner platzt. Oder es kann alles ändern. Die wichtige Frage ist doch: Willst du dein restliches Leben so leben? Mit angezogener Handbremse? Oder du lässt mal los und zeigst dich und bekommst im Gegenzug das, was du dir wünscht, nämlich eine Beziehung mit Tiefgang.

3. Du lernst dich selbst kennen

Wenn dein „Lügenradar“ erst einmal geeicht ist, erkennst du, wenn du dich selbst belügst. Du wirst bewusster, du lernst dich auf einer tieferen Ebene selbst kennen. Ich bin überzeugt, dass du in dir einen wunderschönen Schatz finden kannst, auch wenn das bedeutet, dass du mit Anstrengung durch einige Schichten graben muss. Aber auch hier die Frage: willst du weiter so leben, willst du mit dein Leben mit Oberflächlichkeiten verbringen? Das, was sterbende Menschen am häufigsten bereuen, ist es, nicht ehrlich gewesen zu sein, sich nicht gezeigt zu haben.

Du siehst also, wie eingreifend, wie transformierend sich Ehrlichkeit sich auf dein  Leben auswirken kann. Du wirst anfangen, dein Leben zu leben!

4.  Stress abbauen und bessere Gesundheit

Überlege dir mal, wie viel Kraft es kostet, dieses „Luftballons“ nach unten zu halten. Sobald wir damit aufhören, entspannt sich unser Körper. Wir sind nicht mehr so gestresst, angespannt, ängstlich. Wir müssen nicht mehr anders sein, weil wir bei uns selbst ankommen! Das wirkt sich auch positiv auf die Gesundheit aus, u. a. weil dieser ganze Druck, den wir uns aufgebaut haben, sich auflöst.

Wie fangen wir an mit der radikalen Ehrlichkeit?

Noch einmal zur Wiederholung. Lügen ist, wenn ich Dinge sage, die ich nicht so meine, mich selbst belüge, wenn ich Gefühle nicht authentisch ausdrücke, eine Maske trage, eine Rolle spiele. Und lügen ist, wenn ich Dinge vorenthalte.

Wenn du nach diesem Artikel das Bedürfnis hast, diese Erfahrung zu machen, wie könntest du ab jetzt kommunizieren? Beginne nicht bei deinem Chef 😊. Beginne bei deinen Liebsten, deinen Freunden, Familie. Arbeitskollegen, mit dem du dich gut verstehst. Erzähle vom Experiment, lasse sie mitmachen. Weite diese Ehrlichkeit Stück für Stück aus. Du wirst merken, wie viel sich verändert!

Bei der Radikalen Ehrlichkeit geht es nicht darum, mit der Tür ins Haus fallen und allen Menschen ungefragt die Meinung zu sagen. Es geht darum, deine Gefühle ehrlich und bedacht zu kommunizieren. Ja, dein Gegenüber wird vielleicht nicht immer so reagieren, wie du es gerne hättest, aber lasse dich davon nicht gleich wieder abschrecken. Solange du mit einem positiven Ziel im Hinterkopf kommunizierst („ich sage das jetzt, weil es mir wichtig ist“ und nicht, „ich sage das jetzt, weil ich mein Gegenüber wissen lassen will, was ich von ihnen halte“ etc.). Es geht nicht darum, dass du die Verantwortung für dein Wohlbefinden an andere abgibst.

Du wirst mit der Zeit mehr und mehr wahrnehmen und dich immer besser ausdrücken können. Du wirst dir deiner Gefühle bewusster und traust dich immer öfter, sie auch auszusprechen. Werde authentisch. Das ist Radikale Ehrlichkeit.

*Informationen zur Achtsamkeitspraxis findest du auf meiner Seite der Achtsamkeits-Academy.


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