Warum Gefühle zeigen so wichtig ist

Fällt es dir schwer, Gefühle zu zeigen? Löst der Gedanke, vor anderen emotional zu sein, Stress und Unbehagen in dir aus? Hast du dich beim Titel dieses Artikels vielleicht sogar gefragt, warum du ihn überhaupt lesen sollst?

Oder auch, warum du daran etwas ändern solltest, wenn du z. B. besonders stolz drauf bist, dass du in den meisten Lebenslagen einfach gut ‚funktionierst‘ und nicht gleich ein Drama aus den Dingen machst?

Damit bist du auf keinen Fall alleine. Vor anderen zu zeigen oder auszusprechen, wie es uns geht, ist für die meisten eher unangenehm. Wir wollen andere nicht belasten oder keine Schwäche zeigen. Oder uns schützen.

In diesem Artikel erfährst du

  • Warum wir Angst haben, Gefühle zu zeigen
  • Warum uns Unnahbarkeit nicht gut tut
  • Wie du Gefühle an andere kommunizierst
  • Wie du wahrhaftige Beziehungen zu deinen Mitmenschen aufbauen kannst
  • Wie du durch emotionale Offenheit deine Gesundheit verbesserst

Abhängig vom Verhältnis, das wir mit dem jeweiligen Menschen in unserem Umfeld haben, zeigen wir mehr oder weniger Gefühle.

Doch viele von uns sind generell zurückhaltend mit ihren Emotionen.

Einige Menschen halten es, je nach Kontext, für eine Schwäche, vor anderen Gefühle zu zeigen und setzen es oft mit ‚zu emotional‘ oder 'nicht belastbar' sein gleich.

Andere sind stolz auf ihre Unnahbarkeit und brauchen sie sogar, weil sie nicht in der Lage sind, sich emotional abzugrenzen.

Aber Gefühle zeigen bedeutet nicht, dass wir vor allen anderen Menschen weinen sollen, wenn es uns mal nicht gut geht oder wir vor Wut schreiend durch die Straße laufen.

Es geht in diesem Artikel darum, wie du deine Gefühle gut kommunizieren kannst und warum du das tun solltest.

Ja, eine gewisse emotionale Unnahbarkeit lässt einen Menschen sicher auf den ersten Blick stärker wirken. Beherrscht. Kontrolliert.

Doch egal ob beruflich oder privat, ist es nicht sinnvoll, sich hinter einer Fassade zu verstecken. Die wahre Stärke ist tatsächlich, aus seinen Gefühlen kein Geheimnis zu machen.


Warum wir Angst davor haben, Gefühle zu zeigen

Die Antwort darauf ist denkbar einfach: Jeder von uns sucht nach Zugehörigkeit. Nicht jeder braucht (gleich) viele Menschen um sich, aber grundsätzlich identifizieren wir uns mit unserer Familie oder unserem Freundeskreis etc. und sind darin gefühlt sicher eingebettet.

Früher war es essentiell für das Überleben, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Heute könnten wir zwar theoretisch komplett für uns alleine überleben, aber es liegt trotzdem in unserer Natur, zu anderen Menschen eine Verbindung aufzubauen und uns so auch eine Art Identität zu schaffen.

Was diese Zugehörigkeit allerdings gefährdet, ist Ablehnung. Was passiert, wenn andere meine Gefühle blöd finden?

Wer weint beispielsweise gern in der Öffentlichkeit oder gibt offen zu, dass er vor etwas Angst hat? Und wie lange dauert es, bis wir jemanden sagen, dass wir ihn mögen oder sogar lieben?

Viele setzen weinen mit Schwäche oder Kontrollverlust gleich und Angst mit fehlendem Mut.

Für viele Menschen fühlt es sich viel besser an, eine perfekte Fassade zu besitzen, das Gefühl zu haben, nicht durchschaubar zu sein. Denn wenn die anderen wüssten…

Ich hatte eine Bekannte, die tatsächlich davon überzeugt war, dass sie vor ihrem Partner möglichst wenig von ihrem Innenleben zeigen sollte, um für ihn ein Mysterium zu bleiben, damit er nicht das Interesse an ihr verliert. Für sie bedeutete die emotionale Zurückhaltung eine gewisse Kontrolle.

Warum das aber genau der falsche Weg ist und emotionale Offenheit der Schlüssel für wahrhaftige zwischenmenschliche Beziehungen ist, ohne den es einfach nicht möglich ist, erfährst du gleich.


Wann und wie wir lernen, Gefühle auszudrücken

Als Säuglinge, Babys und Kleinkinder drücken wir unsere Gefühle frei aus. Meistens laut und ungefiltert. Dann lernen wir Stück für Stück von unseren Eltern oder Bezugspersonen, wie diese sich verhalten, wenn sie traurig, wütend oder fröhlich sind und imitieren das Verhalten.

Und hier kommt es zu den ersten "Fehlschaltungen", denn die wenigsten Erwachsenen haben gelernt, gesund mit ihren Gefühlen umzugehen, sie zu zeigen und sich auch zu erlauben, diese zu fühlen. Mehr zum gesunden Umgang mit Gefühlen findest du hier 

Später in unserem Leben wird unser Verhalten im Umgang mit Gefühlen und Emotionen noch einmal durch Erfahrungen geprägt, wie z. B. einen Korb bekommen, in der Schule mal ausgelacht zu werden, wenn man weint oder zu Hause ignoriert, oder sogar geschimpft zu werden, wenn man wütend ist.


Dadurch können innere Überzeugungen entstehen, die einen später im Leben daran hindern, Gefühle zu zeigen, wie zum Beispiel:

  • Ich kann nicht vertrauen
  • Ich darf nicht weinen
  • Ich werde nicht gewollt, wenn ich so bin, wie ich bin
  • Ich stelle mich bloß, wenn ich offen bin
  • Wenn ich nichts preisgebe, bin ich nicht angreifbar
  • Emotionen zeigen ist gefährlich
  • usw.

Kommt dir einer der Sätze vielleicht sogar bekannt vor?


Gefühle zeigen erfordert Mut und ist keinesfalls eine Schwäche

Bin ich für andere anstrengend?

Obwohl in unserer Gesellschaft Frauen beim Thema Gefühle zeigen oft einen Vorteil haben, da ihnen in der Kindheit im Normalfall nicht beigebracht wurde, dass sie stark oder furchtlos sein müssen, wird es für sie auf einer anderen Ebene schwierig: Das Klischee, der überemotionalen Frau, der Empfindlichen oder sogar Hysterischen bremst viele aus.

Denn sie wollen nicht anstrengend oder schwierig sein. So schafft das noch relativ neue Bild der starken unabhängigen Frau einen Rollenkonflikt zwischen der weichen, gefühlsbetonten Seite, die ihr zwar mal erlaubt war, aber immer mehr als Nachteil ausgelegt wird.

Bei Männern ist es ähnlich: Für viele ist es normal, dass sie keine Schwäche zeigen möchten oder sie lehnen Gefühle grundsätzlich als etwas feminines ab.

Bei allen Geschlechtern kommt es vor, dass sie das Nicht-Zeigen von Gefühlen als Selbstschutz brauchen. Hier müssen auch keine schlimmen emotionale Übergriffe in der Kindheit stattgefunden haben (z. B. Ein Nein wird nicht respektiert); viele Menschen haben es einfach nicht gelernt, sich abzugrenzen (also voll zu sich zu stehen) und zeigen sich aus diesem Grund erst gar nicht, um sich nicht angreifbar zu machen.

Doch was passiert, wenn wir uns nicht einmal in unseren Beziehungen offen erzählen, wie es uns wirklich geht?

Wir leben aneinander vorbei.

Es ist für alle Menschen gleichermaßen wertvoll, einen gesunden Umgang mit Gefühlen zu lernen und auch, warum und wie man sie kommunizieren sollte. Denn egal, wer wir sind und was wir in der Vergangenheit erlebt haben, wahre Verbindung entsteht über Offenheit.


Wer sich zeigt, macht sich angreifbar

Wenn dir ein Bekannter sagt, dass er öfter mal traurig ist. Wenn dir jemand sagt, dass er oder sie dich mag. Wenn dir deine Kollegin offen sagt, dass sie sich gerade ausgelaugt fühlt und unmotiviert.

Was löst das in dir aus?

Eine Reihe von Reaktionen könnte hierauf folgen. Entweder findest du die Offenheit bewundernswert oder du bist von ihr oder den Emotionen abgeschreckt.

Ja, es ist möglich, dass wir negative Reaktionen auf unsere Gefühlsäußerungen bekommen (Achtung, mit Gefühlsäußerungen meine ich nicht, eine andere Person anzuschreien oder sich bei jeder Gelegenheit auszuweinen)

Doch diese Erfahrungen sind normal. Ablehnung aushalten dürfen wir lernen!

Die Menschen, die zu uns passen, werden uns nie aufgrund unserer Gefühle ablehnen. Und die Menschen, die auf deine Offenheit negativ reagieren….die darfst du gehen lassen.

Wenn diese Ablehnung im Elternhaus stattgefunden hat, ist "gehen lassen" hier natürlich nicht die Option. Hier ist es wichtig, zu verstehen, dass die Erziehungsberechtigten nicht besser handeln konnten (weil sie es selbst nicht besser wussten!) und die daraus entstandenen Folgen selbst zu bearbeiten und Verletzungen zu heilen.

Denn der Preis, uns emotional zurück zu nehmen, ist zu hoch.

Nur, wenn du dich auch verletzlich zeigt, öffnest du dich wirklich. Ja, du bietest deinem Gegenüber vielleicht eine Angriffsfläche, zeigst dadurch aber auch Vertrauen und ebnest der anderen Person den Weg, sich ebenfalls zu öffnen.

Diese Offenheit bringt dir letztendlich das Wertvollste in dein Leben, das du dir vorstellen kannst: Wahrhaftige Verbindungen!


Warum du deine Gefühle wirklich zeigen solltest

Weil ich diesen Absatz am aller wichtigsten finde, halte ich dir die Gründe in übersichtlichen Stichpunkten fest:

  • Wenn du dich öffnest, zeigst du der anderen Person Vertrauen. Die Konsequenz: sie kann das gleiche tun und sich auch dir öffnen.

  • Es macht uns nahbar und sympathisch, es zeigt unseren Charakter

  • Es schafft Nähe: Was verbindet dich mit deinem/r Partner / Partnerin oder deinen Freunden? Ja, sicher auch Hobbys und Gemeinsamkeiten, aber warum habt ihr eine starke Verbindung?

  • Ohne Gefühle zu zeigen, können wir keine wirkliche Beziehung zu anderen aufbauen.
    Natürlich funktioniert es trotzdem, aber die Qualität dieser Verbindungen ist gering und evtl. auch der Grund für Scheidungen (fehlende Kommunikation, Offenheit, fehlende Nähe)

  • Gefühle zu unterdrücken kann tatsächlich krank machen (dazu kannst du unten noch etwas mehr lesen)

  • Gefühle nicht zu zeigen macht dich einsam unter vielen.
    Wenn dich keiner wirklich kennt, kann auch keiner wirklich an dich herankommen.

  • Gefühle zeigen macht uns einzigartig (du erinnerst dich an das Beispiel mit dem mysteriös bleiben?)

  • Es macht uns authentisch und somit ziehen wir auch die Menschen in unser Leben, die hier „mitgehen“ können!
    Denn nirgends kann man sich sicherer fühlen, als mit einem Menschen, bei dem man weiß, woran man ist

Nur, wenn wir Gefühle zulassen und vermitteln, sind wir in der Lage, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen! Die emotionale Offenheit ist die notwendige Grundlage für tiefe, ehrliche Beziehungen zu anderen Menschen.

Wie soll ich meine Gefühle zeigen?

Erst einmal musst du selber wissen, was du fühlst. Das heißt, du darfst dich trauen, diese vor dir selbst zuzulassen. Zu prüfen, woher sie kommen, was ihr Auslöser war. Manchmal zeigen sie sich auch mittels körperlicher Symptome, also achte auch auf deinen Körper.

Lerne, dich wieder selbst zu spüren, mach einen Bodyscan! Sei neugierig!

Und dann geht es daran, sie auch nach außen zu kommunizieren:

  1. Wenige Worte reichen tatsächlich: "ich freue mich, ich fühle mich gerade ein wenig müde, ich mag dich, ich bin gerade sauer..."
    Achte hier auf Ich-Botschaften, um der anderen Person deutlich zu machen, dass es nicht um sie geht.
  2. Wenn man sich schwer tut, Dinge in Worte zu fassen, kann man viel über Mimik und Körpersprache vermitteln. Die andere Person umarmen, die Hand nehmen, anlächeln.
  3. Versteckte Gefühlsäußerungen sind auch möglich: Komplimente, kleine Geschenke/Aufmerksamkeiten (Pünktlichkeit, nette Gesten).
  4. Empathie: Frag nach, was deinem Gegenüber auf dem Herzen liegt.

Jeder Mensch drückt Gefühle anders aus. Einigen fällt es grundsätzlich schwer, Dinge in Worte zu fassen und sie fühlen sich wohler, ihre Gefühle durch Mimik oder Gesten auszudrücken. Es kommt letztendlich nicht auf das Wie an, sondern, dass man gewillt ist, sich zu zeigen, um dem Gegenüber den Weg zu ebnen.

Und ganz speziell für eine Partnerschaft:

Wenn ihr euch in einer Partnerschaft vielleicht noch nicht so lange kennt, ist es oft hilfreich, zu fragen, was die andere Person gerade braucht, um sich gesehen oder wertgeschätzt zu fühlen.

Wenn du Gefühle zeigen möchtest, es dir aber noch schwerfällt, kannst du mit kleinen, fast schon alltäglichen Situationen anfangen. Sag einem Freund oder einer Freundin, wie es dir wirklich geht.

Dann lernst du Stück für Stück, wie es sich anfühlt, sich zu öffnen und dass dabei nichts schlimmes passiert.


Warum es dich krank machen kann, Gefühle zu unterdrücken

Dr. E. Sarno und Dr. med. Hildegund Heinl* berichten in ihren Büchern wie kontinuierliche Unterdrückung der eigenen Gefühle unter anderem dazu führen kann, dass dein Körper eine Menge schmerzhafter Symptome entwickelt.

Psychosomatik ist ein weites Feld und würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, aber vielleicht kennst du es von dir selbst...

...dass sich körperliche Schmerzen verabschiedet haben, wenn du endlich etwas ausgesprochen hast, was dich vorher möglicherweise belastet hast?

..dass du dich frei und leicht fühlst, wenn du einer wichtigen Person endlich sagen konntest, wie es dir wirklich geht?

Oder einfach nur, wie schön es sich in deinem Körper anfühlt, wenn dir eine Person sagt, dass sie dich mag?

Ich erinnere mich z. B. gut an eine Freundin, die jahrelang versucht hat, etwas über ihre Unverträglichkeiten herauszufinden, weil sie nicht fühlen konnte, dass sie in ihrer Beziehung nicht glücklich war.

Weniger Schmerzen durch das Leben von Emotionen?

Und ich bin überzeugt davon, dass sich viele Menschen, die z. B. unter chronischen Krankheiten leiden, besser fühlen würden, wenn sie üben, ihre Gefühle zu fühlen, dasein zu lassen, sie sich zu erlauben und oder an andere zu kommunizieren.

Gefühle zurückhalten ist anstrengend!

Vielleicht hast du schon einmal gehört, dass Emotionen „Energy in Motion“, also Energien in Bewegung sind in deinem Körper. Um Gefühlswallungen zu unterdrücken, benötigt dein Körper viel Energie. Darum wirst du dich auf Dauer erschöpft fühlen, wenn du deine Gefühle nicht zulässt und zeigst. Das Unterdrücken ist in etwa so, als würdest du einen Luftballon unter Wasser drücken. Zudem kannst du dir vorstellen, mit was für einer Wucht er nach oben kommen würde, sobald du ihn nicht mehr halten kannst.

Stelle dir das Zeigen von Gefühlen so vor, als würdest du diesem Ball langsam etwas Luft ablassen und ihn mit Bedacht nach oben steigen lassen, so dass er sich vorsichtig zeigt. Niemand wird sich erschrecken 😉

Übe langsam und beginne bei Personen, die du gut kennst und denen du vertraust.


Natürlich gilt das alles auch für positive Emotionen:

Erlaube es dir auch, vor anderen Menschen fröhlich zu sein, zu lachen und deine Begeisterung zu zeigen.

Du verpasst einen großen Teil von dem, was LEBEN WIRKLICH IST, wenn du deine Gefühle nicht fühlst und zeigst.


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